Die Insel hat einen blinden Fleck
Ich habe einen Artikel über München geschrieben. Über den „München Code“, über sieben DAX-Konzerne, über 19,3 Start-up-Gründungen je 100.000 Einwohner, über eine Stadt, die es geschafft hat, Offenheit in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen. Alles davon stimmt. Und trotzdem war der Artikel nicht ganz ehrlich – nicht weil etwas Falsches drinstand, sondern weil etwas Wichtiges fehlte.
München ist die reichste Stadt Deutschlands.1 Und München hat Armut. Beides stimmt gleichzeitig, und genau diese Gleichzeitigkeit macht die Sache kompliziert – komplizierter, als es sich als Erfolgsgeschichte erzählen lässt.
Arm sein, wo alle reich aussehen
Ich engagiere mich bei #Ichbinarmutsbetroffen, und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Armut in München hat eine besondere Form der Unsichtbarkeit. Nicht weil es sie nicht gibt – die Armutsrisikoquote in der Region München lag 2022 bei rund 9,5 Prozent, deutlich unter dem bayerischen Schnitt von 12,6 Prozent und erst recht unter dem bundesweiten Wert von 16,8 Prozent, aber eben nicht null.2 Sondern weil hier niemand arm sein will. Die Stadt selbst inszeniert sich als Wohlstandsversprechen, und wer in diesem Versprechen nicht vorkommt, hat gleich zwei Probleme: das Geld, das fehlt, und die Scham, die daraus entsteht, in einer Stadt zu scheitern, in der doch angeblich für alle Platz ist.
Ein Beispiel, das ich aus der eigenen Arbeit kenne: Die Landeshauptstadt München bietet über ihr Sozialreferat die „Energiesparmaßnahme Weiße Ware“ an – einkommensschwache Haushalte, die Bürgergeld oder Sozialhilfe beziehen, können in Kombination mit einer Energieberatung bis zu zwei alte, stromfressende Haushaltsgroßgeräte kostenlos gegen effiziente neue tauschen lassen. Abgewickelt wird das Programm über die Koordinierungsstelle „Weiße Ware“ der Caritas München.3 Ein gutes, sinnvolles Angebot. Und trotzdem wird es nach meiner Erfahrung aus der Beratungsarbeit kaum angenommen. Nicht weil es niemand bräuchte, sondern weil man dafür erst einmal zugeben muss, bedürftig zu sein – in einer Stadt, in der das eigentlich niemand sein soll. Man müsste zur Infotheke im Sozialbürgerhaus gehen, ein Formular ausfüllen, eine Berechtigung nachweisen. Man müsste sich sichtbar machen als jemand, der nicht mithält. In München, wo der öffentliche Raum von Eigentumswohnungen, Erfolgsgeschichten und einer Kulisse aus Frauenkirche und BMW-Vierzylinder erzählt wird, ist das ein größerer Schritt, als es klingt.
Verschobenes Hinsehen
Man könnte sagen: Wenn eine Stadt Armut ernst nimmt, dann misst und veröffentlicht sie sie wenigstens. München tut das – theoretisch. Seit den späten 1980er-Jahren gibt es einen Armutsbericht, seit dem Koalitionsvertrag 2020–2026 sollte er alle vier Jahre erscheinen, ergänzt durch eine Armutskonferenz alle zwei Jahre.4 Der nächste Bericht war für 2026 vorgesehen, die nächste Konferenz für 2025.
Beides wurde verschoben. Der Bericht auf 2028, die Konferenz auf 2027. Die Fachstelle Armutsbekämpfung im Sozialreferat war zeitweise nicht ausreichend besetzt.5 Die Stadtratsfraktion Die Linke/Die PARTEI hat dagegen protestiert: Die Verschiebung sende „das fatale Signal, dass die Stadtgesellschaft mit der wachsenden sozialen Spaltung alleingelassen wird“.6 Eine Stadt, die sich als weltoffen und sozial versteht, aber ihr eigenes Monitoring von Armut zwei Jahre nach hinten schiebt, sendet ein Signal – auch wenn es kein böswilliges ist, eher eines von Verwaltungsroutine, die vor lauter Wachstumszahlen die eigenen Leerstellen übersieht.
Der Erfolg, der verdrängt
Es passt zu dem, was ich in einem anderen Zusammenhang schon beobachtet habe: Genau der wirtschaftliche Erfolg, den München zu Recht feiert, produziert seine eigenen Verlierer. Die Kunstateliers der PLATFORM München mussten Ende 2025 schließen, weil die Stadt an ihnen rund 200.000 Euro im Jahr sparen wollte – 24 Ateliers für 40 Künstler*innen, ersatzlos gestrichen.7 Clubs wie Harry Klein oder 8below sind nicht an mangelndem Publikum gescheitert, sondern daran, dass ihre Gebäude Hotelneubauten und Abriss weichen mussten.8 Wer in München als Künstler oder als armutsbetroffener Mensch überlebt, hat tatsächlich etwas geschafft, das anderswo leichter wäre – nicht weil München besonders grausam wäre, sondern weil der Immobiliendruck einer boomenden Stadt keine Rücksicht auf die nimmt, die sie eigentlich mit ausmachen.
Kein Widerspruch, aber ein Korrektiv
Ich will das nicht gegen meinen ersten Artikel ausspielen. Was in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern passiert, wenn Regionen auf Abschottung statt auf Offenheit setzen, bleibt richtig beschrieben. München ist wirtschaftlich stark, weil es Vielfalt zugelassen hat, nicht trotzdem. Aber „wirtschaftlich stark“ und „sozial gerecht“ sind zwei verschiedene Messlatten, und eine Stadt kann bei der einen glänzen und bei der anderen ihre eigenen Leute übersehen.
Wer stolz auf seine Stadt ist – und ich bin es, trotz allem –, darf genau deshalb nicht wegsehen, wo sie versagt. Eine Stadt, die sich als Insel der Glückseligen feiert, sollte zumindest wissen, wie viele auf dieser Insel im Verborgenen ertrinken. Und sie sollte nicht warten, bis 2028, um sich das noch einmal genau anzuschauen.
Fußnoten
- Wandernundmehr.at / IW-Studie: München ist 2024 die reichste Stadt Deutschlands. ↩
- Leinetal24, zit. n. Paritätischem Armutsbericht: Armutsquote Region München 9,5 % (2022), Bayern 12,6 %, Bundesdurchschnitt 16,8 %. ↩
- Sonntagsblatt/epd, 2023, sowie Rathaus Umschau der Landeshauptstadt München, 12.04.2023: „Energiesparmaßnahme Weiße Ware“ des Sozialreferats, abgewickelt über die Koordinierungsstelle Weiße Ware der Caritas München; Beschluss des Stadtrats bereits Ende 2019, Umsetzung wegen der Corona-Pandemie erst 2023. Zugangsvoraussetzung: laufender Bezug von Bürgergeld (SGB II) oder Sozialhilfe (SGB XII). ↩
- muenchen-transparent.de: Koalitionsvereinbarung 2020–2026 zwischen OB Dieter Reiter, SPD, Grünen und SPD/Volt sieht alle vier Jahre einen Armuts- und Reichtumsbericht sowie alle zwei Jahre eine Armutskonferenz vor. ↩
- muenchen-transparent.de, Anfrage Die Linke/Die PARTEI, 20.08.2025: Verschiebung des Armutsberichts von 2026 auf 2028 und der Armutskonferenz von 2025 auf 2027; Fachstelle Armutsbekämpfung zeitweise nicht voll besetzt. ↩
- Ebd., Antrag Die Linke/Die PARTEI, 20.08.2025. ↩
- BBK München und Oberbayern, Stellungnahme Raumthema, Januar 2026: Schließung der PLATFORM München (Kistlerhofstraße) Ende 2025, Einsparung von ca. 200.000 € jährlich für das Referat für Arbeit und Wirtschaft. ↩
- Abendzeitung München: Schließung von Harry Klein (2023, Gebäude weicht Hotelneubau) und 8below (Gebäudeabriss). ↩

