Es gibt Sommer, die schreibt man sich nicht in den Kalender – die brennt man sich ein. 2026 ist so einer. Willkommen zu einer kleinen Bestandsaufnahme in drei Akten: heiß, tot, tief. Man könnte auch sagen: Deutschland zwischen Fieberthermometer, Kondolenzliste und Baggerlöffel.
Akt 1: Die Temperatur – oder warum Grönland gerade der kühlere Ferienort ist
Fun Fact des Sommers: Während Grönland – Grönland! – gemütliche 13 bis 18 Grad meldet und in Nuuk Menschen vermutlich nach einer Jacke fragen, kokelt Nordrussland bei knapp 34 Grad vor sich hin. Die Klimazonen haben offenbar beschlossen, die Rollen zu tauschen, ohne uns vorher Bescheid zu sagen. Wenn die Arktis das neue Bayern ist und Sibirien das neue Mallorca, dann sollte das eigentlich niemanden mehr kaltlassen – Ironie durchaus beabsichtigt.
Akt 2: Die Toten – Statistik als Stimmungskiller
Rund 9.600 Menschen sind laut Spektrum in nur einer einzigen Juni-Woche an den Folgen der Hitze gestorben. Das "heute journal" spricht sogar von 11.000. Egal welche Zahl man nimmt: Beide übertreffen locker die COVID-19-Todesfälle, die Deutschland in den ersten viereinhalb Monaten des Jahres 2020 verzeichnete – damals wohlgemerkt mit Lockdown, Maskenpflicht, täglichen Pressekonferenzen und einer kollektiven Schnappatmung der ganzen Nation.
Bei der Hitze? Ein müdes Achselzucken und die Empfehlung, "viel zu trinken". Warum diese unterschiedliche Reaktion auf eine ähnlich tödliche Bedrohung? Ganz einfach: Ein Virus ist ein Feind mit Gesicht, gegen den man kämpfen kann – Maske auf, Abstand halten, fertig ist das Heldenepos. Hitze dagegen stirbt leise, meist alte Menschen, meist allein, meist in der eigenen Wohnung. Kein Pressebriefing der Welt macht daraus eine Primetime-Schlagzeile. Dabei wäre "9.600 Tote in sieben Tagen" eigentlich die Art von Zahl, bei der man reflexartig das Fenster aufreißen und laut schreien möchte. Stattdessen: Sommerloch-Berichterstattung zwischen Waldbrand-Drohnenaufnahmen und Eisdielentest.
Akt 3: Die Tiefe – wenn Bagger auf Physik treffen
Und dann, mitten in dieser Gemengelage aus Hitzewellen und Zahlensalat, kommt die Idee: Wir vertiefen einfach den Rhein! Klingt nach Tatkraft, ist aber ungefähr so schlau wie ein tieferes Waschbecken zu bauen, wenn der Wasserhahn zugedreht ist.
Das Problem ist nämlich nicht die Form des Flussbetts, sondern die schlichte Abwesenheit von Wasser. Und ausgerechnet der Puffer, der dem Rhein in trockenen Sommern bisher aus der Patsche half – das Schmelzwasser der Alpengletscher, immerhin rund 15 Prozent der sommerlichen Wasserführung – schmilzt gerade munter vor sich hin und wird in ein paar Jahrzehnten schlicht fehlen. Man vertieft also mit viel Steuergeld und ökologischem Kollateralschaden ein Flussbett, das schon bald noch trockener daliegen wird als heute. Das ist, mit Verlaub, keine Infrastrukturpolitik, das ist Symptombekämpfung mit dem Presslufthammer, während die eigentliche Diagnose im Wartezimmer sitzt.
Der gemeinsame Nenner
Alle drei Geschichten – die verrückten Temperaturkarten, die stille Übersterblichkeit durch Hitze, der ratlose Griff zum Bagger am Rhein – erzählen eigentlich dieselbe Pointe: Wir reagieren auf den Klimawandel wie jemand, der bei Rauchmelderalarm erstmal die Batterie rausnimmt, statt nachzuschauen, ob’s brennt. Grönland wird wärmer, Menschen sterben leise zu Tausenden, und als Antwort vertiefen wir ein Flussbett, dem das Wasser ausgeht.
Vielleicht sollte die eigentliche Schlagzeile des Sommers lauten: Nicht der Rhein braucht mehr Tiefe. Wir bräuchten mehr davon – in der Debatte.

