Eine Einladung, genauer hinzusehen
Vielleicht haben Sie diesen Satz in den letzten Wochen gehört. Vielleicht haben Sie selbst genickt, als Ulrich Siegmund ihn rief. Vielleicht denken Sie: Endlich sagt mal einer, was ich fühle. Ich liebe dieses Land doch auch.
Das ist verständlich. Deutschland ist ein schönes Land. Die Sprache, die Landschaften, die Kultur, die Menschen – es gibt vieles, was man lieben kann.
Aber lassen Sie uns gemeinsam einen Moment innehalten. Nicht um Ihnen Ihre Liebe auszureden. Sondern um zu fragen: Was genau wird hier eigentlich geliebt? Und wer wird aus dieser Liebe ausgeschlossen?
Woher die Wut kommt
Bevor wir uns Siegmunds Satz genauer ansehen, ein ehrliches Zwischenwort: Der Zulauf zur AfD kommt nicht aus dem Nichts. In vielen ostdeutschen Dörfern gibt es keinen Arzt mehr, keinen Laden, keine Bank. Menschen fühlen sich von Berlin vergessen. Dazu kommen reale Sorgen über Integration, Überforderung der Kommunen, ungelöste Konflikte im öffentlichen Raum. Diese Sorgen sind nicht per se rechtsextrem, und wer sie hat, ist deshalb kein schlechter Mensch.
Die Frage ist nicht, ob diese Sorgen echt sind. Die Frage ist, was die AfD daraus macht – und wem sie am Ende schadet.
Was Siegmund wirklich sagt
Siegmund rief seinen Satz nicht allein. Er rief ihn bei einem „Familienfest“ der AfD in Magdeburg, vor mehreren Tausend Anhängern, umgeben von Menschen, die „Wir sind das Volk!“ und „Ost-, Ost-, Ostdeutschland!“ skandierten. Er sagte: „Wir haben bereits Geschichte geschrieben, weil wir wieder zu uns selbst gefunden haben. Seite an Seite habe man etwas in Bewegung gesetzt, was sich nicht mehr aufhalten lasse. Nämlich die Liebe zu Deutschland.“[1]
Hören Sie diesen Satz noch einmal. „Wieder zu uns selbst gefunden.“ Das klingt nach Heimkehr. Nach Heilung. Nach einem Wir, das sich endlich wieder spürt.
Aber fragen Sie sich: Was war verloren? Und wer hat es weggenommen?
Die Antwort der AfD lautet seit Jahren: die Eliten, die Medien, die Migranten, die „Altparteien“. Die Partei inszeniert sich als Retterin eines Volkes, das sie selbst als Opfer darstellt.
Das ist das erste Problem: Diese Liebe braucht einen Feind.
Die exklusive Liebe
Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Landesverfassungsschutz seit November 2023 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft – mit der Begründung, ihre Agitation richte sich gegen essentielle Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die Behörde nennt in ihren Berichten schwerwiegende und regelmäßige Äußerungen gegen das Prinzip der Menschenwürde.[2]
Das ist keine Randnotiz. Das ist der Kern.
Denn wenn Siegmund von „Liebe zu Deutschland“ spricht, meint er nicht das Deutschland des Grundgesetzes. Er meint ein ethnisch definiertes Deutschland. Ein Deutschland, in dem Zugehörigkeit nicht durch Staatsbürgerschaft, nicht durch Sprache, nicht durch ein Bekenntnis zu den Werten der Verfassung bestimmt wird – sondern durch Abstammung.
Der Verfassungsschutz formuliert es so: Das „ethnisch-abstammungsmäßige Volksverständnis“ der AfD sei mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar und ziele darauf ab, bestimmte Bevölkerungsgruppen von einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe auszuschließen.[2]
Man muss hier nicht in die Geschichte zurückblicken, um zu verstehen, was das bedeutet. Es reicht, sich die Konsequenz vorzustellen: Ein Staat, der offiziell festlegt, wer „wirklich“ dazugehört und wer nicht – unabhängig vom Pass, unabhängig vom Geburtsort, unabhängig davon, ob man sich an die Gesetze hält. Das ist keine Meinungsverschiedenheit über Migrationspolitik. Das ist eine Aufkündigung des Versprechens, dass vor dem Gesetz alle gleich sind.
Der Ausschluss hat einen Namen
Die AfD nennt dieses Konzept „Remigration“. Was damit gemeint ist, hat Martin Sellner, ein führender Kopf der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, so erklärt: Remigration sei nicht nur die Abschiebung von Menschen ohne Aufenthaltsrecht, sondern ein umfassendes Konzept, das auch Asylbewerber, Ausländer allgemein und – wörtlich – „nicht-assimilierte Staatsbürger“ umfasse.[3]
Lesen Sie den letzten Teil noch einmal: „nicht-assimilierte Staatsbürger.“
Das sind Menschen mit deutschem Pass. Menschen, die hier geboren sind. Menschen, deren Familien seit Generationen hier leben. Menschen, die vielleicht Ihre Nachbarn sind, Ihre Kollegen, Ihre Freunde.
Siegmund hat angekündigt, eine AfD-geführte Regierung werde Asylbewerbern nur noch Sachleistungen ausstellen und den staatlichen Kontrolldruck auf Menschen mit Migrationshintergrund massiv erhöhen. Der Verfassungsschutz merkt dazu an, dass auch legal in Deutschland lebenden Ausländern der Aufenthalt deutlich unangenehmer gestaltet werden solle.[2]
Und kürzlich sagte Siegmund bei einer Podiumsdiskussion, er wolle bei einer „Remigrations- und Abschiebeoffensive“ entsprechende Hilfsmittel einsetzen – eine Formulierung, die für erhebliche Empörung sorgte, weil sie sich auf Waffen und Ausrüstung für die Abschiebung von Menschen bezog.[4]
Man muss nicht wissen, wie Geschichte sich wiederholt, um zu erkennen, was hier passiert: Es wird eine Sprache eingeübt, in der Menschen zu einem Sicherheits- und Verwaltungsproblem werden. Zu etwas, das man mit „Hilfsmitteln“ bearbeitet. Diese Sprache ist der erste Schritt – nicht, weil sie an etwas erinnert, sondern weil sie für sich genommen bereits eine Grenze zieht: hier die, die „Hilfsmittel“ bekommen, dort die, gegen die sie eingesetzt werden.
Die Liebe, die keine Verfassung braucht
Die AfD sagt offen, was sie von der Verfassung hält. Alexander Gauland, einst Fraktionsvorsitzender im Bundestag, sagte im Juni 2016 auf dem Kyffhäusertreffen: „Wir lieben nicht die Verfassung, wir lieben unser Volk.“ Die Verfassung sei wie ein Kleid, das man ändern könne.[5]
Marc Jongen, AfD-Politiker und einer der ideologischen Vordenker der Partei, sagte 2016: „Der Pass allein macht noch keinen Deutschen.“[6]
Verstehen Sie, was hier passiert? Die Liebe zu Deutschland wird gegen die Demokratie gestellt. Das Grundgesetz, die Menschenwürde, die Gleichheit vor dem Gesetz – all das soll nur ein „Kleid“ sein. Etwas Äußerliches. Etwas, das man ausziehen kann, wenn es nicht mehr passt.
Aber das Grundgesetz ist nicht das Gegenteil von Liebe. Es ist die Form, in der diese Liebe überhaupt erst allen gelten kann. Die Verfassung sagt: Du gehörst dazu, weil du hier bist. Weil du Mensch bist. Die AfD sagt: Du gehörst nur dazu, wenn du „einer von uns“ bist.
Das ist der entscheidende Unterschied.
Was Sie vielleicht denken
Vielleicht denken Sie jetzt: „Das ist doch übertrieben. Die meinen das nicht so. Das ist doch nur Wahlkampf.“
Das ist ein verständlicher Gedanke. Aber die AfD Sachsen-Anhalt ist keine normale Partei im parlamentarischen Streit um den besten Weg. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht nur infrage stellt, sondern nach Einschätzung der Behörde aktiv bekämpft. Das ist keine Meinung eines politischen Gegners. Das ist eine behördliche Feststellung, die einer gerichtlichen Überprüfung standhalten musste.[2]
Wenn eine Partei einen Teil der eigenen Staatsbürger offen als nicht vollwertig zugehörig bezeichnet, dann ist das keine Stilfrage. Es ist die Ankündigung, wie sie regieren würde, wenn man sie ließe.
Die Liebe, die wir meinen
Ich verstehe, wenn Sie Deutschland lieben. Ich verstehe, wenn Sie sich nach einer Politik sehnen, die dieses Land und seine Menschen in den Mittelpunkt stellt – gerade dort, wo der Staat sichtbar versagt hat.
Aber fragen Sie sich: Für wen?
Wenn Siegmund „Wir lieben Deutschland“ ruft, meint er nicht die rund 85 Millionen Menschen, die hier leben. Er meint ein „Wir“, das er selbst definiert. Ein „Wir“, zu dem Sie nur gehören, wenn Sie in sein Bild passen. Und zu dem viele andere – Ihre Nachbarn, Ihre Kollegen, Ihre Freunde – nicht gehören.
Es gibt eine andere Liebe zu diesem Land. Eine, die sagt: Ich liebe Deutschland, weil es ein Ort sein kann, an dem Menschen frei und gleich und in Würde leben – und weil es die Aufgabe hat, auch die Dörfer ohne Arzt, auch die Sorgen der Menschen dort ernst zu nehmen, ohne dafür jemand anderem die Würde abzusprechen.
Diese Liebe ist schwerer. Sie erfordert Arbeit, echte Politik gegen echte Probleme, und die Bereitschaft, Widerspruch auszuhalten. Aber sie ist die einzige Liebe, die den Namen verdient.
Was Sie tun können
Wenn Sie diesen Artikel bis hierhin gelesen haben, haben Sie bereits etwas getan: Sie haben zugehört. Das ist der erste Schritt.
Der zweite Schritt: Fragen Sie nach. Wenn Sie das nächste Mal „Wir lieben Deutschland“ hören, fragen Sie: Wer ist „wir“? Und wer ist es nicht?
Der dritte Schritt: Sprechen Sie darüber – nicht mit Vorwürfen, sondern mit der ruhigen Gewissheit, dass Liebe kein Besitz ist. Dass sie nicht exklusiv sein muss, um echt zu sein.
Und wenn Sie irgendwann merken, dass das „Wir“ der AfD Sie selbst nicht mehr einschließt, dann ist es nicht zu spät, umzukehren.
Denn Deutschland gehört nicht einer Partei. Deutschland gehört allen, die hier leben.
Fußnoten
- Aussagen Siegmunds beim Wahlkampfauftritt in Magdeburg, September 2026. ↑
- Einstufung des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistisch“ durch den Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt, November 2023. ↑
- Aussage Martin Sellners zum Konzept „Remigration“, öffentlich dokumentiert im Kontext des Potsdamer Treffens 2023. ↑
- Aussage Siegmunds zu „Hilfsmitteln“ für eine „Remigrations- und Abschiebeoffensive“, September 2026. ↑
- Aussage Alexander Gaulands beim Kyffhäusertreffen, Juni 2016. ↑
- Aussage Marc Jongens (AfD), 2016. ↑

