Wert
Über das Scheitern der Philosophie an einem Grundbegriff und ein Definitionsangebot
Kaum ein Begriff wird so selbstverständlich gebraucht wie „Wert“, und kaum einer entzieht sich so hartnäckig der Bestimmung. Das lässt sich an Armin G. Wildfeuers Artikel „Wert“ im Neuen Handbuch philosophischer Grundbegriffe beispielhaft zeigen.1 Er versammelt nahezu das gesamte Material der philosophischen Debatte und endet gerade deshalb ohne Definition. Der folgende Text nimmt diesen Befund als Beleg dafür, dass die Philosophie hier systematisch scheitert, und schlägt eine Definition vor, die dieses Scheitern erklärt.
1. Ein Begriff, der alles trägt und nichts bestimmt
Die Rede von Werten hat Konjunktur: Wertegemeinschaften, Wertemanagement, Werterankings. Gemeint sind Börsenwerte, der Wert eines Ackers, der Wert eines Kuscheltiers, der Wert von Gerechtigkeit, Familie oder Freiheit. Wildfeuer spricht deshalb von einem „Container-Begriff“, in den Vielartiges geworfen wird, ohne dass Intension und Extension geklärt wären.2 Die Herkunft verschärft das Problem. Der Begriff stammt aus der Ökonomie (althochdeutsch werd: Preis, Kaufsumme) und wurde im 19. Jahrhundert in die Philosophie importiert, um dort etwas ganz anderes zu leisten: den Bereich des Guten zu retten, nachdem die Verbindung von Sein und Gutem zerfallen war.3
2. Das Scheitern in Stationen
Ökonomie. Von Aristoteles bis zur Grenznutzenlehre wird Wert als Tauschverhältnis, Arbeitsaufwand oder Nutzen bestimmt.4 Schon die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert zeigt, dass der Begriff zwei Dinge zugleich meint.5 Kant macht ihn dann ausdrücklich zum Gegenbegriff: Was Würde hat, hat keinen Preis. Der höchste Wert wird nur bestimmbar durch die Absetzung vom Preis.6
Neukantianismus. Werte „sind“ nicht, sie „gelten“.7 Heidegger hält dagegen, Geltung erinnere noch zu sehr an ein Gelten für ein Subjekt, und die Zuschreibung eines Seins an die Werte erzeuge das Höchstmaß an Verwirrung. Werte seien „Halbheiten“.8 Hans Kuhn nennt den Wertbegriff das caput mortuum des einst lebendigen Begriffs des Guten.9
Phänomenologie und materiale Wertethik. Bei Scheler und Hartmann bilden Werte ein objektives, hierarchisch geordnetes Reich, das im Wertfühlen zugänglich ist.10 Genau darin liegt der Einwand: Die Evidenz des Gefühls ist nicht überprüfbar, und die Plausibilität der Wertsysteme verdankt sich dem Anschluss an faktische Wertungstraditionen.11
Pragmatismus. Werte entstehen in sozialen Interaktionen, die Unterscheidung von Fakten und Werten wird aufgehoben.12 Damit ist der Gegenstand aufgelöst, aber nicht bestimmt.
Analytische Philosophie. Moore erklärt „gut“ für einfach und undefinierbar,13 der Emotivismus für Gefühlsausdruck,14 Carnap für Scheinsatz,15 Hare für präskriptiv.16 Mackie zeigt, dass es Werte „in der Welt“ nicht gibt, die Alltagssprache aber so redet, als gäbe es sie.17
Objektivismus und Subjektivismus. Der Objektivismus scheitert an Ontologie, Erkenntnistheorie und Praxis: Wo sind Werte, womit erkennen wir sie, wie motivieren sie?18 Der Subjektivismus scheitert an der Beliebigkeit, die er nicht ausschließen kann.19
Das Gemeinsame dieser Stationen ist, dass jede fragt, welche Art von Ding der Wert sei. Jede scheitert an diesem Ding. Rickert und Lotze erklären den Begriff deshalb für undefinierbar,20 Hartmann stellt fest, dass der Wertphilosophie ein Begriff des Wertes fehle,21 und andere verweisen darauf, dass dem Begriff als oberstem Begriff das genus proximum abgehe.22 Wildfeuers eigener Vorschlag verzichtet bewusst auf eine Wesensbestimmung. Wert ist danach ein Zuschreibungsbegriff, das Korrelat eines Aktes des Wertens, und die Werte im Plural werden von ihrer Funktion her bestimmt, als Zielvorstellungen und Orientierungsgrößen.23 Die Begründung der Werthaftigkeit verlange dann den Rückgriff auf Anthropologie, Ethik oder andere Rahmentheorien, die je nach Perspektive variieren. Der Streit um Werte sei im Letzten ein Streit um diese Rahmen.24
Das ist keine Schwäche eines Autors, sondern der Befund selbst: Die Philosophie kann den Wert nicht definieren, solange sie ihn als Gegenstand behandelt. Der Artikel enthält die Wende bereits. Schnädelbach rät, Wertbegriffe adjektivisch zu verstehen, und „Gelten“ ist ein mindestens dreistelliger Ausdruck: Etwas gilt für jemanden als etwas.25 Werthaftigkeit wird erst im Akt der Wertschätzung konstituiert. Die Konsequenz zieht der Artikel nicht.
3. Definitionsangebot
Wert ist die durch einen Akt der Zumessung gesetzte Unterscheidung von Wert und Nichtwert, die als Maß Orientierung ermöglicht und dabei axiomatisch, also unbegründet, vorausgesetzt wird.
Die Definition enthält drei Momente.
Differenz. Bestimmtheit entsteht durch Abgrenzung: Etwas ist nur durch sein Anderes bestimmbar.26 Auch Wert ist deshalb nie für sich gegeben, sondern nur im Verhältnis zu seinem Gegenteil. Das zeigen die Stationen durchgängig: Würde und Preis bei Kant, Gebrauchs- und Tauschwert, die Wertrangordnungen von „höher“ und „niedriger“, Werte und Unwerte. Eine Definition, die nichts ausschließt, definiert nichts. Der Container-Begriff ist genau das, ein Begriff ohne Grenze.
Setzung. Die Grenze wird nicht gefunden, sondern gezogen, und zwar im Akt des Zumessens. Dass dieser Akt zumeist unbewusst bleibt, erzeugt eine Retrospektivillusion: Man beobachtet das Bewerten, schließt auf einen Wert, der es erklären soll, und hält den gemachten Schnitt für eine vorgefundene Tatsache.27 Dem entspricht Wildfeuers Beobachtung, dass die Werthaftigkeit nicht aus dem Gegenstand abgelesen werden kann. Die Setzung ist dabei nicht beliebig. Sie bewährt sich in einer Praxis des Lebens, ist also kontingent, aber nicht willkürlich: Sie hätte anders ausfallen können, aber nicht irgendwie.28
Axiom. Jede Begründung eines Wertes verweist auf einen weiteren Wert oder auf eine Rahmentheorie, und diese Kette endet irgendwo. Dieses Ende ist weder beweisbar noch widerlegbar, es ist gesetzt wie die Menschenwürde im Grundgesetz oder der Urmeter in der Metrologie.29 Das erklärt, warum Wildfeuer am Ende auf Anthropologie und Rahmentheorien zurückgreifen muss: Dort liegen die Axiome.
Wert und Maß sind dabei rückbezüglich. Ohne Zumessung kein Maß, aber auch ohne ein Kriterium dessen, was zählt, keine Zumessung. Beide entstehen zugleich im Akt der Differenzbildung. Die Differenz ist das Erste, nicht der Wert und nicht das Maß, und sie ist keine Entität, sondern eine Operation, ein Schnitt, der beides hervorbringt.
4. Was die Definition erklärt
Warum alle Definitionsversuche scheitern. Wer Wert als Gegenstand sucht, sucht eine Gattung. Die Differenz aber ist keine Gattung, sie gehört zu keiner Art von Dingen und hat deshalb kein genus proximum. Hinzu kommt ein performativer Grund: Jede Definition von „Wert“ müsste ihrerseits zwischen Wert und Nichtwert unterscheiden. Sie setzt also voraus, was sie bestimmen will.
Warum der Begriff so viel tragen kann. Er ist strukturell, nicht inhaltlich. Ein Kuscheltier, eine Aktie und die Gerechtigkeit sind nur insofern „Werte“, als jemand sie in einer Differenz von Nichtwert absetzt. Das ist die gemeinsame Form unter inhaltlich völlig verschiedenen Fällen, und damit auch der Grund, warum der Begriff in Sozialforschung, Recht und Ökonomie gleichermaßen anschlussfähig ist.
Warum es Wertpolytheismus und Wertewandel gibt. Wenn Axiome gesetzt werden, kann es konkurrierende Axiome geben, und über sie lässt sich nicht argumentativ entscheiden.30 Wertewandel ist dann Verschiebung der Grenze, Entwertung der Verlust ihrer Orientierungskraft.
Warum Geltungsfragen so zäh sind. Der Objektivismus verwechselt die Gesetztheit mit Vorgefundenheit, der Subjektivismus die Kontingenz mit Beliebigkeit. Beide haben je eine Hälfte der Struktur richtig gesehen. Auch Carl Schmitts Verdacht, wer „Wert“ sage, wolle durchsetzen, wird verständlich: Die Setzung verbirgt sich hinter der Rede von einer Geltung.31
Einwand: absolute Werte. Gibt es nicht Werte, die sich jedem Maß entziehen, das Heilige, das Erhabene, die Würde?32 Auch sie sind durch Differenz bestimmt, durch die Absetzung vom Profanen, vom Preis, vom Verfügbaren. Sie entziehen sich der Skala, nicht der Differenz. Maßlosigkeit ist der Pol der Unterscheidung, nicht ihre Ausnahme. Wer Würde als unmessbar behauptet, vollzieht eben jene Grenzziehung, die hier als Wert bezeichnet wird.
Die Gefahr. Die größte Gefahr der Werte liegt in dem, was die Definition offenlegt: Wird vergessen, dass der Wert eine gesetzte Differenz ist, erstarrt er zum Dogma oder zum Instrument der Durchsetzung.33 Die Konsequenz wäre keine Verabschiedung der Werte, sondern ihre reflexive Inspektion: zu fragen, welche Differenz hier gezogen wird, von wem, wozu, und was dabei als Nichtwert erscheint.
5. Schluss
Die Philosophie hat den Wert zwei Jahrhunderte lang als etwas gesucht, das es gibt. Dass sie ihn nicht fand, ist kein Zufall und kein Versäumnis, sondern die Konsequenz einer falschen Frage. Wert ist nichts, was ist, sondern etwas, was gesetzt wird: eine Unterscheidung, die sich bewährt, ohne sich begründen zu lassen. Wer so definiert, löst das Problem nicht auf, aber er sieht, warum es sich so lange hielt.
Fußnoten
- Armin G. Wildfeuer, Art. „Wert“, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hg. v. Petra Kolmer und Armin G. Wildfeuer, Freiburg/München 2011, Bd. 3, S. 2484–2500 (Text) und S. 2504 (Anmerkungen). Vgl. Kap. 1.1 (Container-Begriff). Zur älteren Reihe vgl. Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hg. v. Hermann Krings u. a., München 1973. ↩
- Wildfeuer, a. a. O., Kap. 1.1: „Wert – ein Container-Begriff?“ ↩
- Wildfeuer, a. a. O., Kap. 1.2 (metaphysische Gründungsgeschichte); zur Etymologie vgl. Deutsches Wörterbuch von J. u. W. Grimm, Bd. 14/1,2, Leipzig 1960, Sp. 459–469. ↩
- Aristoteles, Nikomachische Ethik, V, 8, 1131 b 33–1133 b 35; zur Grenznutzenlehre vgl. W. S. Jevons, The Theory of Political Economy, London/New York 1871; C. Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871. ↩
- Aristoteles, Politik, Buch I, Kap. 8–10 (Gebrauchswert vs. Tauschwert). ↩
- Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Akademieausgabe Bd. IV, Berlin 1900 ff., S. 434 f. ↩
- Heinrich Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, Tübingen 1921, S. 229 f.; vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 3.2. ↩
- Martin Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1966, S. 151 f.; ders., Holzwege, Frankfurt a. M. 1964, S. 239. ↩
- Helmut Kuhn, Art. „Das Gute“, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, hg. v. H. Krings u. a., München 1973, S. 671 f. ↩
- Max Scheler, Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913/1916), Bern 1954; Nicolai Hartmann, Ethik, Berlin/Leipzig 1926, 1949. ↩
- Vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 3.5 (Kritik an der Evidenz des Wertfühlens). ↩
- John Dewey, Experience and Nature (1925), in: The Later Works, Bd. 1, Carbondale 1981, S. 295–326; Richard Rorty, Consequences of Pragmatism, Minneapolis 1982, S. 163. ↩
- G. E. Moore, Principia Ethica, Cambridge 1903. ↩
- A. J. Ayer, Language, Truth and Logic (1936), London 1946; C. L. Stevenson, Ethics and Language, New Haven/London 1944. ↩
- Rudolf Carnap, „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“, in: Erkenntnis 2 (1931), S. 219–241, hier S. 237. ↩
- R. M. Hare, The Language of Morals, Oxford 1952. ↩
- J. L. Mackie, Ethics: Inventing Right and Wrong, Harmondsworth 1977. ↩
- Vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 2.1 (Ontologie, Erkenntnistheorie, Praxis). ↩
- Vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 2.2 (Wertsubjektivismus). ↩
- Rickert, System der Philosophie, Tübingen 1921, S. 113; Hermann Lotze, Logik, Leipzig 1928, S. 510 ff. ↩
- Hartmann, Ethik, Berlin 1949, S. 139. ↩
- Vgl. Johannes Hessen, Wertphilosophie, Paderborn 1937, S. 23. ↩
- Wildfeuer, a. a. O., Kap. 4.1 (tentative Begriffsdefinition und Plural-Definition). ↩
- Ebd., Kap. 4.1 (Begründungspluralität und Rahmentheorien). ↩
- Herbert Schnädelbach, Werte und Wertungen, in: ders., Analytische und postanalytische Philosophie, Frankfurt a. M. 2004, S. 253–278, hier S. 263 f.; vgl. Wildfeuer, a. a. O., Anm. 134. ↩
- Vgl. Spinoza, Brief 50 an Jelles (omnis determinatio est negatio); Hegel, Wissenschaft der Logik (Bestimmtheit als Negation). ↩
- Vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 4.1: Werthaftigkeit „liegt nicht als objektives, subjektunabhängiges Faktum vor“. ↩
- Vgl. Wildfeuer, a. a. O., Kap. 4.1 („Bezug auf anthropologische Grundkonstanten“). ↩
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 1 Abs. 1; zur Metrologie vgl. die Definition des Meters durch die Lichtgeschwindigkeit (CGPM 1983). ↩
- Vgl. Max Weber, „Der Sinn der Wertfreiheit der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1922, S. 507 („Wertpolytheismus“). ↩
- Carl Schmitt, Die Tyrannei der Werte, in: Säkularisation und Utopie, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1967, S. 55. ↩
- Rudolf Otto, Das Heilige, Breslau 1917; Kant, Kritik der Urteilskraft (1790), § 23 ff. (das Erhabene). ↩
- Vgl. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1955; Isaiah Berlin, Four Essays on Liberty, Oxford 1969 (Wertpluralismus). ↩

