Der Affe im Maschinenraum: Warum Algorithmen uns alle erwischen (egal ob IQ 60 oder 160)
Wir neigen dazu, unsere Informationsgesellschaft durch die Brille des Geistes zu betrachten. Wir sprechen über Debattenkultur, Bildungsbürgertum, politische Desinformation und algorithmische Filterblasen. Doch wenn man die soziologischen und psychologischen Schichten abkratzt, bleibt am Ende eine banale biologische Grundannahme übrig, die Sigmund Freud, Fritz Perls und Eric Berne auf je eigene Weise beschrieben haben: Der Mensch ist in erster Linie ein biologischer Organismus, dessen Existenz um sehr basale Grundbedürfnisse kreist.
Es geht im Kern um das, was das Leben antreibt: Fressen, Saufen, Fortpflanzung und – als ultimative Währung des sozialen Überlebens – Anerkennung (aka Liebe). Natürlich ist das eine Verkürzung. Freud kannte auch den Todestrieb, und Perls würde den Begriff der Aggression differenzierter fassen. Aber als Denkrahmen für das Folgende taugt die Zuspitzung.
Das Problem ist nicht, dass wir diese Triebe haben. Das Problem ist, dass moderne Plattformen und ihre Algorithmen sie ausnutzen, und zwar äußerst effizient. Und sie erwischen uns alle – so meine These – unabhängig davon, ob unser IQ bei 60 oder bei 160 liegt.
1. Das Fundament: Die Biologie lässt sich nicht intellektualisieren
Mit Fritz Perls gesprochen, ist der Mensch zuallererst ein physischer Körper, der mit Hunger, Angst und Aggression auf seine Umwelt reagiert. In seinem Werk Ego, Hunger and Aggression (deutsch: Das Ich, der Hunger und die Aggression) beschreibt er den Organismus als ein System, das ständig nach einem Gleichgewicht strebt und über Kontakt mit der Umwelt seine Bedürfnisse befriedigt.1 Sigmund Freud verortete das Fundament unseres Handelns im Es – in den ungezähmten Trieben, die tief unter dem dünnen Firnis von Zivilisation und Moral schlummern. In seiner Instanzenlehre beschreibt er das Es als die älteste psychische Instanz, die nach dem Lustprinzip agiert.2 Und Eric Berne beschrieb in seiner Transaktionsanalyse unser soziales Miteinander als einen Austausch von „Strokes“: Streicheleinheiten, Bestätigung, das Gefühl, gesehen zu werden und okay zu sein. Der Stroke ist bei ihm die Einheit der Anerkennung.3
Alle drei sind Denkrahmen, keine empirisch gesicherten Theorien, und Freuds Triebtheorie gilt als weitgehend überholt. Als Beschreibungssprache für das, was Plattformen mit uns anstellen, sind sie trotzdem erstaunlich brauchbar.
Ein hoher IQ schützt vor diesen Mechanismen nicht zuverlässig. Er verändert vor allem die Methode, mit der wir versuchen, sie zu befriedigen. Wer einen IQ von 145 hat, baut einen hochentwickelten intellektuellen Überbau. Er zitiert Philosophen, analysiert Verfassungsfragen, schreibt komplexe Skripte oder seziert politische Systeme. Doch die psychologische Triebfeder dahinter ist dieselbe: Anerkennung. Der Intellektuelle will nicht weniger geliebt, verstanden oder bestätigt werden als derjenige, der virale Party-Videos teilt. Er nutzt nur eine andere Währung. Der Raufbold holt sich die Aufmerksamkeit durch Macht und Lautstärke; der Intellektuelle durch die Eleganz seines Gedankengebäudes. Beide schreien ins digitale Nichts: „Seht mich an, ich bin wichtig, ich bin da!“
Hier ist eine Unterscheidung nötig: Das Motiv – die Suche nach Anerkennung – ist universell. Die Anfälligkeit für algorithmische Manipulation ist es nicht in gleichem Maß. Ein Mensch mit hoher Medienkompetenz oder ausgeprägtem analytischem Denken hat dasselbe Bedürfnis nach Bestätigung, ist aber womöglich besser darin, die Mechanismen zu erkennen, die es ausbeuten. Die Forschung zur Anfälligkeit für Falschnachrichten stützt das teilweise: Wer im Cognitive Reflection Test besser abschneidet, unterscheidet Falschnachrichten von echten Nachrichten im Schnitt besser, auch bei politisch passenden Meldungen.4 Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Impfschutz, und gemessen wird die Neigung zu reflektiertem Denken, nicht der IQ. Beides ist verwandt, aber nicht dasselbe.
Dazu kommt eine Vermutung, die ich nicht mit einer Studie belegen kann: Der Intellektuelle ist nicht weniger hungrig nach Anerkennung. Er ist womöglich nur wählerischer, was die Qualität der Bestätigung angeht, und leidet deshalb manchmal stärker unter ihrer Abwesenheit. Das ist eine Beobachtung, kein Befund.
2. Wie der Algorithmus die Evolution austrickst
Algorithmen von Social-Media-Plattformen sind keine moralischen Instanzen und sie haben kein Interesse an Wahrheit. Sie sind Optimierungsmaschinen für Engagement. Und sie werden von Ingenieuren so gebaut und trainiert, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit binden, was zwangsläufig bei den Schwachstellen unseres Gehirns ansetzt.
Hier greift der Irrglaube, dass Bildung oder Intellekt gegen algorithmische Manipulation immunisieren. Ein Algorithmus unterscheidet nicht zwischen einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit Hannah Arendt und einem simplen Wutanfall über den lokalen Verkehr. Er misst, was Reaktionen auslöst: Erregung.
Die neurowissenschaftliche Forschung liefert Hinweise darauf, wie das funktionieren könnte. Übersichtsarbeiten beschreiben, dass häufige Social-Media-Nutzung mit Veränderungen in den Dopaminbahnen verbunden ist und eine Abhängigkeit fördern kann, die substanzbezogenen Süchten ähnelt, wobei sich diese Arbeiten vor allem auf Jugendliche beziehen.5 Die Befundlage ist aber nicht eindeutig. Ob „Social-Media-Sucht“ überhaupt ein valides klinisches Konstrukt ist, ist in der Forschung offen. Eine experimentelle Studie mit Instagram-Nutzern fand, dass sich viele für süchtiger halten, als es ihre Symptome nahelegen, und dass schon die Rahmung als „Sucht“ das Gefühl von Kontrolle senkt und die Selbstvorwürfe erhöht. Eine große Befragung unter Jugendlichen kommt zu dem Schluss, dass Kriterien wie Salienz und Toleranz eher intensive als problematische Nutzung abbilden.6 Auch die Gleichsetzung von Dopamin mit „Lust“ ist veraltet: Nach Berridge und Robinson vermittelt Dopamin vor allem „Wanting“, also Antrieb und Verlangen, während „Liking“, der eigentliche Genuss, auf anderen, kleineren Hirnsystemen beruht.7
Plausibel ist außerdem das Prinzip der variablen Verstärkung. Belohnungen wie Likes, Kommentare und Shares kommen unvorhersehbar. Ferster und Skinner zeigten im Labor, dass solche variablen Verstärkungspläne hohe Reaktionsraten und eine große Resistenz gegen Löschung erzeugen.8 Die Spielautomaten-Analogie liegt nahe. Sie bleibt aber eine Analogie: Belegt ist das Prinzip bei Tieren, und dass Jugendliche auf Likes mit Aktivität in Belohnungsregionen reagieren. Dass Plattformen es gezielt so einsetzen und dass es beim Menschen genauso wirkt, ist eine Annahme, die gut zur Beobachtung passt, aber nicht bewiesen ist.
Hinzu kommt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung: Der Wunsch, Teil einer Gruppe zu sein, die die eigenen Ansichten teilt, führt zu Echokammern. Intellektuelle Filterblasen sind oft nur elitärere Versionen derselben tribalistischen Mechanismen, die man von Stammtischen kennt. Passend dazu fand eine kleine Querschnittsstudie mit 238 Personen, dass ein stärkeres Bedürfnis nach sozialer Anerkennung mit problematischer Social-Media-Nutzung zusammenhängt. Dass dies über das Selbstwertgefühl vermittelt wird, ließ sich nicht belastbar zeigen, und die Kausalrichtung bleibt offen.9
3. Gegenposition: Was Plattformen auch leisten
Es wäre unredlich, die positiven Seiten sozialer Medien zu verschweigen. Wer an einer seltenen Erkrankung leidet, findet online Menschen, die dasselbe durchmachen, und das in einer Stadt oder einem Dorf, in dem es offline keine einzige solche Person gibt. Wer sich Wissen selbst beibringen will, findet Vorlesungen und Erklärvideos, für die früher ein Studienplatz nötig war. Marginalisierte Gruppen bekommen eine Stimme, und Menschen halten über Kontinente hinweg Kontakt. Die algorithmische Optimierung auf Engagement ist ein Problem, aber sie ist nicht alles, was diese Plattformen tun. Die Frage ist nicht, ob wir sie abschaffen, sondern wie wir ihre Mechanismen durchschauen und unsere Nutzung bewusster gestalten.
4. Die Illusion der intellektuellen Immunität
Wer klug ist, durchschaut das Spiel oft schneller. Er merkt, dass Threads oder LinkedIn von oberflächlichem Lärm dominiert werden. Das führt zu einer zynischen Distanz: Man fühlt sich wie der Beobachter im Hintergrund, der über dem System zu stehen glaubt.
Doch diese Überheblichkeit ist eine Falle. Denn wer sich über das System stellt, kann umso stärker unter dem Mangel an echter Resonanz leiden. Wer komplexe, verschachtelte Analysen liefert, die von der Masse ignoriert werden, erlebt Frustration. Die digitale Stille tut weh, weil sie sich wie Entzug von Anerkennung anfühlt. Das ist wiederum meine Deutung und keine gemessene Größe.
Die Forschung zum „Fear of Missing Out“ (FoMO) geht in eine ähnliche Richtung, mit Einschränkungen. Eine qualitative Interviewstudie mit zehn jungen Erwachsenen deutet darauf hin, dass soziale Medien FoMO verstärken, indem sie die Wahrnehmung realer Bedürfniserfüllung verzerren, soziale Vergleiche fördern und eine Illusion von Verbundenheit erzeugen.10 Eine Querschnittsstudie mit 365 jungen Erwachsenen fand, dass das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung den statistischen Zusammenhang zwischen der Angst vor negativer Bewertung und FoMO vollständig erklärte. FoMO ließ sich demnach eher durch das Streben nach Anerkennung als durch Bewertungsängste allein erklären.11 Beides sind kleine, nicht kausale Studien. Sie passen zur These, beweisen sie aber nicht.
Ein konkretes Beispiel: Der Intellektuelle, der nachts um zwei Uhr auf sein Smartphone schaut, um zu prüfen, ob jemand auf seinen 14-teiligen Thread über das Usenet reagiert hat. Er weiß, dass der Algorithmus ihn manipuliert. Er weiß, dass die wenigen Reaktionen nicht seine intellektuelle Qualität widerspiegeln. Und trotzdem fühlt er sich kurz besser, wenn eine Benachrichtigung eintrifft, und kurz schlechter, wenn keine kommt. Das ist die Illusion der Immunität in ihrer reinsten Form.
Ob jemand mit einfachen Reizen sein Dopamin abholt oder ob er stundenlang an einem Text feilt, um von drei Gleichgesinnten ein „Gut gemacht“ zu bekommen: Am Ende des Tages sitzen wir alle im selben neurobiologischen Wartesaal. Wir wollen fressen, wir wollen sicher sein, wir wollen uns fortpflanzen (oder Spuren hinterlassen) und vor allem wollen wir, dass irgendjemand da draußen nickt und sagt: „Du hast recht, du zählst.“
Fazit
Der Algorithmus erwischt uns alle, weil er nicht unsere Logik adressiert, sondern unsere Biologie. Er weiß nichts von uns, aber er ist darauf optimiert, dass hinter jeder Firewall und jedem IQ-Test ein verletzlicher Primat sitzt, der nach Bestätigung hungert.
Das zu erkennen ist kein Tiefpunkt, sondern ein Ausgangspunkt. Wer begreift, dass der eigene Intellekt auch ein hochentwickelter Mechanismus zur Anerkennungssuche sein kann, hört auf, sich über die digitale Welt zu wundern, und lernt, sich in ihr zu bewegen, ohne sich von ihr auffressen zu lassen.
Konkret könnte das heißen: Benachrichtigungen ausschalten, damit nicht der Algorithmus bestimmt, wann man nachschaut. Feste Zeiten für Social Media festlegen und den Rest des Tages die App nicht öffnen. Like- und Aufrufzahlen ausblenden, wo die Plattform das erlaubt. Die eigene Reaktion auf digitale Stille beobachten, ohne sie sofort als Versagen zu deuten. Sich klarmachen, dass ein Like kein Beweis für intellektuellen Wert ist und sein Ausbleiben kein Beweis für das Gegenteil. Und ab und zu den Laptop zuklappen und ein Buch lesen, das niemand kommentieren kann.
Fußnoten
Perls, Frederick S.: Ego, Hunger and Aggression: A Revision of Freud’s Theory and Method. Erstausgabe Durban: Knox, 1942; London: George Allen & Unwin, 1947 (zeitgenössische Rezension); New York: Random House, 1969, dort mit dem Untertitel The Beginning of Gestalt Therapy (Katalogeintrag). Habe nur die deutsche Ausgabe gelesen „Ich, der Hunger, die Angst und die Agression“ ein Weilchen her ↩
Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1923. Das Es ist die ursprüngliche psychische Instanz, aus der sich Ich und Über-Ich differenzieren; es folgt dem Lustprinzip. Einen frei verfügbaren Volltext habe ich nicht verifiziert, deshalb hier ohne Link. Kenne ihn eigentlich nur über Sekundärliteratur, kann ein Fehler sein. ↩
Berne, Eric: Transactional Analysis in Psychotherapy. New York: Grove Press, 1961; ders.: Games People Play. New York: Grove Press, 1964. Ein „Stroke“ ist bei Berne eine Einheit der Zuwendung bzw. Anerkennung. Auch hier habe ich keinen frei verfügbaren Volltext verifiziert, deshalb ohne Link. Auch hier mal auf Deutsch gelesen „Spiele der Erwachsenen“, Ausgabe, Verlag usf. weiss ich nicht mehr. ↩
Pennycook, Gordon / Rand, David G.: Lazy, not biased: Susceptibility to partisan fake news is better explained by lack of reasoning than by motivated reasoning. In: Cognition, 188, 2019, S. 39–50 (online 2018). https://doi.org/10.1016/j.cognition.2018.06.011. Gemessen wurde analytisches Denken mit dem Cognitive Reflection Test; die Autoren fanden keinen Hinweis darauf, dass es motiviertes Denken verstärkt. ↩
De, Debasmita / El Jamal, Mazen / Aydemir, Eda / Khera, Anika: Social Media Algorithms and Teen Addiction: Neurophysiological Impact and Ethical Considerations. In: Cureus, 17(1), 2025, e77145. https://doi.org/10.7759/cureus.77145. Es handelt sich um eine narrative Übersichtsarbeit zu Jugendlichen, nicht um eine Primärstudie; die Autoren räumen ein, dass es keinen Konsens über die Definition von Social-Media-Sucht gibt. ↩
Anderson, Ian A. / Wood, Wendy: Overestimates of social media addiction are common but costly. In: Scientific Reports, 15, 2025, Art. 39388. https://doi.org/10.1038/s41598-025-27053-2. Untersucht wurden Instagram-Nutzer (N = 380 bzw. N = 824, USA). Außerdem: Ciudad-Fernández, Víctor et al.: Salience and tolerance are not indicators of problematic social media use: Evidence from the Social Media Disorder Scale and the Bergen Social Media Addiction Scale. In: Journal of Behavioral Addictions, 14(3), 2025, S. 1380–1393. https://doi.org/10.1556/2006.2025.00073. Stichprobe: 2.761 Jugendliche. ↩
Berridge, Kent C. / Robinson, Terry E.: Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. In: American Psychologist, 71(8), 2016, S. 670–679. https://doi.org/10.1037/amp0000059; frei zugänglich: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5171207/. ↩
Ferster, Charles B. / Skinner, B. F.: Schedules of Reinforcement. New York: Appleton-Century-Crofts, 1957 (Untersuchungen an Tauben; kein frei verfügbarer Volltext verifiziert). Zu neuronalen Reaktionen auf Likes bei Jugendlichen: Sherman, Lauren E. et al.: The Power of the Like in Adolescence: Effects of Peer Influence on Neural and Behavioral Responses to Social Media. In: Psychological Science, 27(7), 2016, S. 1027–1035. https://doi.org/10.1177/0956797616645673. Die Übertragung der Skinner-Befunde auf Social-Media-Plattformen ist eine Analogie. ↩
Eberle, Nicolas / Fauth-Bühler, Mira: Problematische Nutzung sozialer Medien, Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Selbstwertgefühl: Eine Mediationsanalyse. In: Suchttherapie, 2026. https://doi.org/10.1055/a-2861-0377. Querschnittlicher Online-Survey, N = 238. Die DOI stammt aus der Ankündigung der Autoren; bitte vor Veröffentlichung einmal anklicken. ↩
Nesbit, Teneille / Lole, Lisa: A Qualitative Investigation of Social Media Fear of Missing Out (FoMO) and Needs Fulfilment Among Young Adults. In: International Journal of Human–Computer Interaction, 42(7), 2026, S. 5109–5125 (online 2025). https://doi.org/10.1080/10447318.2025.2543998. Halbstrukturierte Interviews mit zehn jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 35 Jahren. ↩
Akbay, Sinem Evin / Kurt, Ali Ammar / Bakir Aygar, Bilge / Yaman, Şaziye: The need to be seen: social approval and evaluative fears as psychological pathways to FOMO. In: Frontiers in Psychology, 17, 2026, Art. 1840811. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1840811. Querschnittsstudie mit 365 Erwachsenen (Emerging Adults, Türkei); „Mediation“ ist hier statistisch, nicht kausal zu verstehen. ↩

