Wer These und Antithese nebeneinanderlegt – den Vorwurf der kollektiven Regression gegen den Vorwurf der elitären Arroganz –, der erkennt schnell: Wir stecken in einer Sackgasse fest, deren Wände aus gegenseitigem Unverständnis gemauert sind. Doch die Wahrheit liegt weder im bloßen Datenblatt der Wissenschaftler noch im trotzigen Beharren auf dem Gestern. Sie liegt in der Erkenntnis, wie tief unsere materielle Existenz mit unserer emotionalen Sicherheit verzahnt ist.12
1. Das Missverständnis der Regression
Wenn ich von „Regression“ spreche, meine ich kein moralisches Urteil. Es ist kein Fingerzeig auf „Dinosaurier“, die zu dumm für die Zukunft sind. Es ist der Versuch, einen psychologischen Schutzmechanismus zu beschreiben, der uns alle betrifft.3
Angst ist kein rationales Gefühl. Wenn ein Facharbeiter in Rüsselsheim sieht, wie sein Lebenswerk durch die Verlagerung der Produktion nach Kénitra oder durch den Aufstieg chinesischer Giganten entwertet wird, dann reagiert er nicht auf eine CO2-Statistik. Er reagiert auf den drohenden Verlust seiner Identität. Die „Regression“ ist der Versuch, sich an das zu klammern, was einem einmal Sicherheit und Würde verliehen hat. Das ist zutiefst menschlich.45
2. Die Spirale: Wenn Angst die Vernunft frisst
Das Problem ist nicht der einzelne Mensch, sondern die Systemdynamik. Ökonomische Angst und emotionale Interpretation schaukeln sich gegenseitig hoch.1
Wenn die Politik Transformation nur als technische Notwendigkeit predigt, ohne die soziale Fallhöhe abzufedern, erzeugt sie Widerstand.
Wenn Medien diesen Widerstand als „Ewiggestrigkeit“ herabwürdigen, erzeugen sie Trotz.
Und wenn Populisten diesen Trotz in Wählerstimmen verwandeln, blockieren sie am Ende genau die Lösungen, die den langfristigen Wohlstand sichern könnten.
Es entsteht ein Teufelskreis: Je prekärer die Lage wird, desto lauter wird der Ruf nach einfachen, destruktiven Lösungen.6
3. Die Vernunft braucht ein Zuhause
Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die aus Earth4All sind wie Baupläne für ein neues Haus. Aber niemand wird sein altes, baufälliges Haus verlassen, solange das neue Haus nur als abstrakte Skizze existiert – und man zudem das Gefühl hat, man dürfe darin nur als Bittsteller wohnen.7
Die Synthese bedeutet: Wir müssen anerkennen, dass Fakten allein niemanden bewegen. Vernunft braucht eine emotionale Heimat. Eine Politik, die Menschen erreichen will, darf nicht nur Emissionen senken, sie muss die Angst vor der Bedeutungslosigkeit ernst nehmen. Wir müssen über materielle Sicherheit sprechen, um über ökologische Notwendigkeit streiten zu können.3
4. Das Ende der Affenhorde-Metapher
Vielleicht war der Begriff der „Affenhorde“ im ersten Text selbst ein Symptom jener Spaltung, die wir überwinden müssen. Er entsprang der Frustration über die offensichtliche Irrationalität. Doch echte Erkenntnis beginnt dort, wo wir aufhören, den anderen als „unbelehrbar“ abzutun und anfangen zu fragen: Was genau verteidigst du da eigentlich mit so viel Wut?
Wir sind keine unbelehrbare Spezies. Wir sind eine verängstige Spezies. Der Weg aus der Krise führt nicht über die moralische Belehrung, sondern über die Wiederherstellung von Vertrauen in die Gestaltbarkeit der Zukunft. Der Fiat Tris in Marokko ist vielleicht nur ein kleines Fahrzeug, aber er ist ein Symbol für etwas Greifbares: Produktion, Arbeit, Mobilität. Er ist eine Antwort auf ein echtes Problem.5
Fazit: Wir müssen die Transformation vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht, indem wir die Wissenschaft ignorieren, sondern indem wir ihr ein menschliches Gesicht geben. Die Autopsie der Zivilisation muss nicht ihr Ende bedeuten – sie kann auch der Beginn einer radikalen Selbstkenntnis sein.2
Fußnoten
- Earth4All-Zusammenfassung zu Ungleichheit und Transformation
- Earth4All und Wohlergehensökonomie
- Wuppertal Institut zu sozial-ökologischer Transformation
- Earth4All Deutschland und soziale Spannungen
- Arnold Schiller zu Industrie und Realitäten
- Earth4All als Vision und Hebel
- Earth4All Wissenschaftsgrundlage
