Earth4All: Autopsie einer unbelehrbaren Spezies

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Arzt. Er legt Ihnen die Scans hin. Es ist Krebs, Stadium vier, aber operabel. Er sagt Ihnen: „Wenn Sie heute aufhören zu rauchen und diese Therapie machen, haben Sie eine Chance.“ Und Sie? Sie zünden sich im Sprechzimmer eine Zigarette an, beschimpfen den Arzt als arrogante Elite und fordern lautstark das Recht auf Hustenfreiheit.

Genau dort stehen wir im Januar 2026.[1]

Wir müssen aufhören, so zu tun, als hätten wir ein Erkenntnisproblem. Wir haben kein Wissensdefizit. Wir haben ein massives Problem mit der Selbstbeherrschung. Es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte der Katastrophen. Alles liegt auf dem Tisch: die schmelzenden Polkappen, die erodierenden Böden, die bröckelnden Demokratien.
Und trotzdem warten wir auf den „Erwachsenen im Raum“, auf den einen visionären Politiker, der uns rettet, ohne dass es wehtut.[2][3][4]

Das ist nicht nur rührend. Es ist unser Todesurteil.

Wir haben uns als Patient gegen die Behandlung entschieden. Die Folgen sind vorhersehbar, der Verlauf dokumentiert. Der Earth4All-Bericht ist nun keine Therapieempfehlung mehr, sondern die letzte Eintragung in der Krankenakte, bevor das Delirium einsetzt.[5][6]

Die Regression: Zurück in die Höhle

Der Earth4All-Bericht des Club of Rome ist ein Meisterwerk der Vernunft. Er ist präzise, datengetrieben und vollkommen nutzlos. Warum? Weil er eine Grundvoraussetzung hat, die wir im Jahr 2026 längst verspielt haben: die Annahme, dass der Mensch ein rationales Wesen sei.[7]

Wer ehrlich hinsieht, erkennt: Wir erleben keine politische Krise, sondern eine psychologische Regression. Ein kollektives Zurückweichen in die Pubertät. Trump, Putin, die religiösen Eiferer und unsere heimischen „Diesel-Dieters“ sind keine Parteien. Sie sind Notfallreaktionen einer überforderten Psyche. Veränderung fühlt sich für uns an wie Kontrollverlust. Und wer Angst hat, greift zur Keule. Nicht, weil sie die Probleme löst, sondern weil sie sich so verdammt vertraut anfühlt.

Das Primat der Angst

Wissenschaft erklärt die Welt, aber sie regiert sie nicht. Macht folgt im 21. Jahrhundert nicht der besten Analyse, sondern der lautesten Mobilisierung. Und mobilisierbar sind keine Balkendiagramme. Mobilisierbar sind Kränkung, Wut und Nostalgie.

In diesem System ist der vernünftige Politiker kein Anführer, sondern ein Störgeräusch. Er ist der Verkehrsplaner, der mit Simulationen zur Sicherheit wedelt, während die Insassen beschlossen haben, das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzudrücken – aus purem Trotz gegen die Leitplanken.

Die Medien befeuern diesen Irrsinn, weil Einsicht sich nicht monetarisieren lässt. Empörung hingegen klickt hervorragend. Wir haben eine Aufmerksamkeitsökonomie erschaffen, die denjenigen belohnt, der das Haus anzündet, statt denjenigen, der das Fundament saniert.

Drill, Baby, Drill: Die Droge der Machtlosigkeit

Wenn der mächtigste Mann der Welt „Drill, baby, drill“ ruft, ist das kein Energiekonzept. Es ist eine Droge. Es ist das Versprechen, sich für einen Moment wieder stark fühlen zu dürfen, während die Welt um einen herum zerfällt.[8][9][10] 

Es ist emotionale Selbstmedikation für eine Spezies, die technisch zwar Satelliten bauen und Gene editieren kann, aber emotional auf dem Niveau eines Kindes hängen geblieben ist, das die Hand auf die Herdplatte legt, nur um dem Vater zu zeigen, dass es sich nichts sagen lässt.

Das Museum der Zukunft

Vielleicht ist das die ehrlichste Diagnose: Earth4All ist kein Zukunftsplan mehr. Es ist ein Autopsiebericht.[5]

Nicht über eine tote Zivilisation, sondern über eine, die die lebensrettende Operation ablehnt, weil sie Angst vor der Narkose hat.

Wir gehen nicht unter, weil wir zu dumm sind. Wir gehen unter, weil wir zu feige sind, unsere eigenen Instinkte zu beherrschen. Wir sind die erste Spezies, die ihren eigenen Untergang live streamt, ihn mit Werbeunterbrechungen garniert und sich in den Kommentaren darüber streitet, wer schuld ist.

Die Obduktion zeigt keine Überraschungen: Die Todesursache ist eindeutig. Kein Fremdverschulden, kein unerklärlicher Systemfehler. Suizid durch freiwillige Atemlähmung bei vollständig klarem Bewusstsein.

Wir sind die erste Spezies, die ihre eigene Intensivstation abreißt, um aus den Rohren eine Tröte zu basteln – und darauf pfeift, bis die Monitore flachlinieren. Das letzte, was auf den Bildschirmen zu sehen sein wird, ist unser verzogenes Grinsen: Endlich haben wir uns nichts mehr sagen lassen müssen.

Willkommen im Museum der Zukunft. Nehmen Sie Platz. Die Exponate sind wir selbst.

Antithese


Fußnoten

  1. Zeitdiagnose / politisch-psychologischer Kontext
  2. Schmelzende Polkappen
  3. Erodierende Böden
  4. Bröckelnde Demokratien
  5. Earth4All – Überblick
  6. Bericht an den Club of Rome
  7. Club of Rome – Earth4All
  8. „Drill, baby, drill“ – Ursprung
  9. Politische Umsetzung 2026
  10. Begriffsgeschichte

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