Der Fiat aus Kénitra und das deutsche Museum

Ein Essay über den Hochmut der „Premium-Nation“ und das bittere Erwachen im 50-Dirham-Takt.

Kenitra, Dezember 2025. Während in Wolfsburg und Rüsselsheim die Vorstände über Effizienzsteigerungen im einstelligen Prozentbereich brüten und das Land über das Ende der E-Auto-Förderung jammert, rollt in Marokko die Zukunft der Mobilität vom Band. Sie hat drei Räder, heißt „Fiat Tris“ und kostet den Nutzer weniger als eine Schachtel Zigaretten am Tag.

Es ist die Geschichte einer Demütigung, die in Deutschland noch kaum jemand als solche begreifen will.

Die Arroganz der „Käfer-Verächter“

Wir haben das alles schon einmal gesehen. In den 70ern blickten die US-Giganten aus Detroit mit einer Mischung aus Mitleid und Abscheu auf die winzigen, knatternden Kisten aus Japan und Wolfsburg. „Das sind keine Autos“, hieß es damals in den V8-getränkten Chefetagen. Heute begeht die deutsche Automobilindustrie denselben Fehler – nur unter umgekehrten Vorzeichen.

BMW und Mercedes haben sich in die „Premium-Falle“ geflüchtet. Man baut tonnenschwere Elektro-Panzer für eine schrumpfende Schicht von Wohlhabenden und überlässt das Feld der pragmatischen Alltagsmobilität anderen. Man hat vergessen, dass Wohlstand nicht durch den Verkauf von Luxusgütern an Wenige, sondern durch die industrielle Beherrschung der Masse für Viele entsteht.

Das Ende der Deutschland AG

Dass der Fiat Tris in Kénitra produziert wird, ist kein Zufall, sondern die logische Konsequenz einer Welt, in der das „Primat der Politik“ längst abgedankt hat. Wir leben nicht mehr in der Ära von Kohl und Mitterrand, als nationale Industriestrategien wie der Airbus gegen jeden kurzfristigen Finanzwahn durchgesetzt wurden.

Heute regiert der Neoliberalismus der Quartalszahlen. Ein Konzern wie Stellantis – juristisch in den Niederlanden beheimatet, strategisch global – kennt keinen Patriotismus. Er geht dorthin, wo die Kosten niedrig und die Wege kurz sind. Während deutsche Politiker wie Söder oder Merz in rhetorischen Scharmützeln verharren und das Wesen der industriellen Transformation nicht einmal im Ansatz begreifen, schafft Marokko Fakten.

Der chinesische Herzschlag

Das Bitterste an dieser Entwicklung ist das verlorene Know-how. Wir Deutschen brüsten uns gerne mit unseren Patenten. Die Natrium-Ionen-Batterie? In Europa erdacht, aber hier als „ungeeignet“ für unsere PS-Monster abgetan.

China hat nicht etwa das Rad neu erfunden, sie haben es schlicht gebaut. Während wir in Europa darüber diskutieren, ob eine Batteriefabrik in der Lausitz die Vögel stört, skaliert CATL die Natrium-Zelle in Massen. Das Ergebnis: In jedem europäischen E-Auto schlägt heute ein chinesisches Herz. Wir liefern das Design, die Spaltmaße und das Prestige – China liefert die Energie und kassiert die Rendite.

Die Ruine der Zukunft

Was bleibt, wenn der Hochmut verfliegt? Volkswagen könnte überleben, aber wohl nur als „abgespeckte Ruine“, als Schatten seiner selbst, der seine Relevanz jenseits der deutschen Landesgrenzen längst verloren hat. Wenn das Umdenken erst jetzt beginnt, im Jahr 2026, dann kommt es zu spät. Der Vorsprung der Chinesen und der Pragmatismus von Standorten wie Marokko haben eine neue Realität geschaffen.

Wir müssen uns der unbequemen Wahrheit stellen: Wir haben das industrielle Primat kampflos an die Finanzmärkte und an Peking abgegeben.

Glaubst du, dass dieser Prozess der De-Industrialisierung in Deutschland überhaupt noch aufzuhalten ist, oder müssen wir uns damit abfinden, dass wir in 20 Jahren nur noch das „Museum von Chrysler“ in Europa sind?

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