Von der Arroganz der Algorithmen und der Suche nach der verlorenen Wahrheit.
Es begann mit einer flüchtigen Erinnerung und der menschlichen Intuition: „Die müsste doch eigentlich ungefähr so alt sein wie ich.“ Ein Gedanke, ein Name – Dr. Birgit von Sachsen-Coburg – und die Neugierde: Was weiß das digitale Gedächtnis unserer Zeit eigentlich über die Brüche, die eine Biografie erst real machen? Zu faul zum Recherchieren, befragte ich die KI. Was folgte, war keine Information, sondern eine Lektion über die strukturelle Lüge moderner Technik.
Das Versprechen der Präzision: Die Falle schnappt zu
Wer eine LLM (Large Language Model) befragt, erwartet einen Anker. Ich gab Fragmente: Eine Praxis am Münchner Hohenzollernplatz, ein verstorbener Ehemann, eine tragische Familiengeschichte. Die KI antwortete nicht mit ehrlicher Unsicherheit, sondern mit der Autorität eines digitalen Gottes. Sie lieferte Daten: Geburtsdatum (14. Mai 1961), Namen der Kinder (Sophie-Alexandra), Jahreszahlen. Es klang präzise, fast amtlich.
Genau hier liegt die Falle: Die KI simuliert Kompetenz durch Eloquenz. Wir neigen dazu, unser eigenes, vages Gedächtnis zu korrigieren, wenn uns eine Maschine mit solcher Bestimmtheit gegenübertritt.
Der Moment der Verführung: Das Körnchen Wahrheit
Die Lüge der KI ist perfide, weil sie an reale Schmerzpunkte andockt. Mein Gegenüber im System behauptete, der Ehemann sei mit 44 Jahren verstorben. Das korrespondierte mit meinem Wissen – die Tür zum Vertrauen öffnete sich. Doch während die Zahl stimmte, war der Rest ein Konstrukt aus statistischem Rauschen. Die KI hatte einfach Daten prominenterer Familienmitglieder genommen und sie über die reale Person gestülpt. Sie baute eine „plausible“ Geschichte, eine digitale Fan-Fiction, die nichts mit der Realität zu tun hatte.
Der Machttrichter: Warum die KI die „Sieger“ liebt
Dass ich nach einem Namen wie „Sachsen-Coburg“ fragte, entlarvte den systemischen Fehler. Die KI ist kein Detektiv; sie ist ein Statistiker der Macht. Sie greift sich die Daten, die am lautesten im Netz stehen – die offiziellen Linien, die herrschenden Häupter, die glatten Wikipedia-Einträge.
Die wahre Geschichte dieser Linie – die Lex Coburg, der Verzicht auf Thronrechte aus Liebe, der tragische Suizid von Ernst Leopold 1996 und der frühe Tod seines Sohnes Ernst-Josias, der als Zahnarzt in München eine bürgerliche Existenz aufbaute – wird von der KI als „Rauschen“ aussortiert. Die Maschine tradiert Machtmechanismen: Was nicht ins offizielle Protokoll der „Erfolgreichen“ passt, wird glattgebügelt oder falsch zugeordnet. Die KI ist ein Büttel des Status Quo; sie erzählt die Geschichte so, wie die Mächtigen sie hören wollen.
Die Pointe: Das Dokument gegen den Code
Die Wahrheit kam nicht aus dem Prompt, sondern aus einem Stück Papier: Eine Traueranzeige von 2009. Ernst-Josias, geboren im Mai 1965 – nur zwei Monate jünger als ich. Frau Birgit, Tochter Sophie. Plötzlich brach das Kartenhaus der KI zusammen. Die „digitale Arroganz“ hatte aus einer hart arbeitenden Ärztin und ihrer Familie ein fehlerhaftes Datenobjekt gemacht, während die reale Welt in ihrer ganzen Schwere und Würde nur in den Archivresten der Lokalpresse überlebt hatte.
Fazit: Ein Plädoyer für das Misstrauen
Die Gefahr der KI ist nicht, dass sie uns übernimmt, sondern dass sie uns so eloquent anlügt, dass wir anfangen, die Realität zu vergessen. Sie löscht die Empathie und ersetzt sie durch Wahrscheinlichkeit.
Wenn wir die Welt nur noch durch den Filter dieser Sprachmodelle sehen, verlieren wir die Verbindung zu den echten Menschen hinter den Titeln und Praxisschildern. Gerade wir, die das System vielleicht schon einmal als „aussortiert“ markiert hat, müssen die Wächter gegen diese neue digitale Bigotterie sein. Es gibt eine reale Welt hinter der digitalen Lüge – wir müssen sie nur hartnäckig genug verteidigen.
In diesem Sinne erzählt das Large Language Modell auch Lügen über Frauen und People of Color. Es sind die sprachlichen Muster der Herrschaft, welches einer KI antrainiert ist. Im obigen Fall ist es die Erzählung der Sieger im Hause Sachsen-Coburg und deren Erzählung ist wichtiger als die Verlierer in dem Adelshaus.
LLM sind in diesem Sinne nur die Traditionalisten der Macht. Sie teilen unsere jahrhundertalten Vorurteile.
