Die Rechtsausleger: Späte Bestätigung einer prophetischen Warnung
Warum Papst Leo XIV. 2026 sagt, was Andreas Püttmann schon 2015 schrieb
Die Zäsur: Eine päpstliche Klarstellung
Am 28. September 2026 distanzierte sich Papst Leo XIV. auf dem Rückflug von Metz nach Rom unmissverständlich von der Verbindung rechtsextremer Politik mit Religion. Er bezeichnete die neuen Formationen der radikalen Rechten als „unchristlich“ und nannte die AfD in Deutschland ausdrücklich als Beispiel. Der Papst betonte, diese Einschätzung werde nicht nur von ihm, sondern auch von den führenden Vertretern der katholischen und protestantischen Kirchen in Deutschland geteilt: Es handele sich um eine „Religiosität, die keinen authentischen Ausdruck des Christentums darstellt“ 2. Für viele Beobachter kam diese Klarheit überraschend. Für Andreas Püttmann nicht.
Der Befund von 2015: Wenn Frömmigkeit auf Abwege gerät
Bereits 2015 veröffentlichte Püttmann in der ZEIT-Beilage Christ & Welt seinen Artikel „Die Rechtsausleger“ 1. Darin hinterfragte er den katholischen Gründungsmythos, das eigene Milieu sei naturgegeben immun gegen rechtsextreme und völkische Tendenzen. Er zeigte, wie sich in konservativen, scheinbar lehramtstreuen Zirkeln schleichend ein Geist breitmachte, der wenig mit der Nächstenliebe des Evangeliums, dafür aber viel mit autoritären und nationalistischen Ideologien gemein hatte.
Püttmann griff dabei auf Papst Franziskus’ Warnung vor einer „spirituellen Weltlichkeit“ aus Evangelii gaudium zurück: eine selbstgerechte, autoritäre Frömmigkeit, die die Liturgie pflegt, aber die Barmherzigkeit verliert. Wer damals den Finger in diese Wunde legte, zahlte einen hohen Preis. Wie Püttmann im September 2026 auf Bluesky schrieb, machte ihn der Artikel im Lager der „eingebildeten Rechtgläubigen“ unmöglich und kostete ihn unter anderem eine langjährige enge Prälaten-Freundschaft 9.
Die empirische Entwicklung: Von der Warnung zur Gewissheit
Die Verschiebung der Wählerbasis. Püttmann schrieb 2015, Katholiken wählten „weit unterdurchschnittlich“ rechtsextrem 1. Die Daten von 2025 zeigen eine andere Realität: Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wählten 18 Prozent der Katholiken die AfD – unter Protestanten waren es 20 Prozent, unter Konfessionslosen 24 Prozent. In der Gesamtbevölkerung lag die AfD bei 20,8 Prozent. In erzkatholischen Gegenden wie dem Eichsfeld in Thüringen oder der Region um Deggendorf in Niederbayern erreichte die AfD fast 30 Prozent 3. Die alte Gewissheit, dass kirchliche Bindung vor rechtem Extremismus schützt, gilt nicht mehr.
Die institutionelle Antwort der Bischöfe. Bereits im Februar 2024 verabschiedete die Deutsche Bischofskonferenz einstimmig die Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Darin heißt es: „Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar“ 4.
Bei der Herbstvollversammlung 2026 in Fulda bekräftigte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, diese Position: Der völkische Nationalismus innerhalb der AfD sei mit dem Christentum unvereinbar. Zugleich sprach er sich dafür aus, auf AfD-Wähler zuzugehen und „mehr Formate“ zu schaffen, in denen die Kirche zuhöre und die Sorgen der Menschen ernst nehme. Wilmer warnte jedoch auch vor einem „Populismus von links“ 5.
Die Piraten als Vorbild früher Abgrenzung. Andere gesellschaftliche Akteure waren früher dran: Die Piratenpartei beschloss bereits am 15. Mai 2013 auf ihrem Bundesparteitag in Neumarkt in der Oberpfalz eine Unvereinbarkeitserklärung mit der AfD 67. Der damalige Parteichef Bernd Schlömer erklärte: „Bestenfalls sind die Vorschläge der AfD alter Wein in neuen Schläuchen: einfallslos, kleinkariert und wenig zukunftsweisend“ 6. Seitdem gilt: Eine Zusammenarbeit mit der AfD ist für die Piratenpartei ausgeschlossen.
Die intellektuelle Bestätigung: Püttmanns Weg
Püttmann hat seine Analyse seit 2015 weiterentwickelt. In einer Untersuchung für die Konrad-Adenauer-Stiftung zeigte er gemeinsam mit Liane Bednarz, dass es auch in den konservativen Milieus der beiden großen Kirchen antiwestliche Dekadenzkritik und Kontakte zur Neuen Rechten gibt 8. Er warnt vor einer „Radikalisierung konservativer Milieus“ und bezeichnet seine persönlichen Eindrücke vom „Innenleben“ dieser Kreise als „wichtigen Seismographen“ für die politische Entwicklung 11. 2026 forderte er den Rücktritt von Jens Spahn vom Vorsitz der CDU-Bundestagsfraktion 10.
Die offene Flanke: Was ein Update aushalten muss
Ein ehrliches Update muss eine Frage offen lassen, die Püttmann 2015 nicht stellen konnte: Was, wenn die katholische Kirche selbst Teil des Problems ist? Püttmanns Text ist ein Plädoyer für eine Kirche, die sich nicht mit dem rechten Zeitgeist gemein macht. Aber die Missbrauchskrise, der Vertrauensverlust und die Austrittswellen – jährlich verlassen Hunderttausende die Kirche – haben die Kirche als moralische Instanz geschwächt. Kann eine Kirche, die ihre eigene Glaubwürdigkeit verloren hat, noch glaubwürdig gegen den Rechtsextremismus Position beziehen? Die Antwort liegt nicht in der Institution, sondern in der Erinnerung an das, was Püttmann 2015 beschwor: die anthropozentrische Agenda eines Gottes, der selbst Mensch wurde 1.
Fazit
Dass sich der Papst 2026 so deutlich positioniert 2, ist eine späte Genugtuung für diejenigen, die früh gewarnt haben. Es ist aber kein Grund zum Ausruhen. Die Aufarbeitung der eigenen blinden Flecken bleibt eine Daueraufgabe – in der Kirche wie in der Politik. Die Piraten haben 2013 gezeigt, dass klare Abgrenzung möglich ist 6. Die deutschen Bischöfe haben 2024 nachgezogen 4. Der Papst hat 2026 die höchste Autorität geliefert 2. Die eigentliche Bewährung findet jedoch vor Ort statt – in den Gemeinden, in den Familien, im Umgang mit Andersdenkenden. Die Weigerung, Fehlentwicklungen im eigenen Lager frühzeitig zu benennen, rächt sich. Dass Püttmanns Artikel von 2015 heute wieder hervorgeholt werden muss 9, zeigt, wie nötig Mutige sind, die sich nicht scheuen, auch im eigenen Umfeld Unbequemes auszusprechen.
Fußnoten
- Andreas Püttmann: Die Rechtsausleger, in: Christ & Welt 6/2015. DOI: 10.5281/zenodo.23047309. Online verfügbar unter: https://zenodo.org/records/23047309 (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Papst Leo XIV., Pressekonferenz auf dem Rückflug von Metz nach Rom, 28. September 2026. Berichterstattung: Pope Leo’s stance: „Right-wing extremism is outside of Christianity“, in: La Sicilia, 28.09.2026. Online: https://en.lasicilia.it/… (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Forschungsgruppe Wahlen, zit. nach: What the election result means for Germany’s bishops, in: The Pillar, 28.02.2025. Online: https://www.pillarcatholic.com/… (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Deutsche Bischofskonferenz: Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar. Erklärung der deutschen Bischöfe, verabschiedet am 22. Februar 2024. Online: https://www.dbk.de (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Fulda: Bischöfe beraten über Streitthemen – Wilmer: AfD-Wählern zuhören, in: Deutschlandfunk, 29.09.2026. Online: https://www.deutschlandfunk.de/… (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Piratenpartei Deutschland: PIRATEN beschließen Unvereinbarkeitserklärung mit der AfD, Pressemitteilung vom 15. Mai 2013. Online: https://kraehennest.piratenpartei-nrw.de/… (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Piraten beschließen Unvereinbarkeitserklärung mit der AfD, in: Junge Freiheit, 13.05.2013. Online: https://jungefreiheit.de (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Andreas Püttmann / Liane Bednarz: Untersuchung für die Konrad-Adenauer-Stiftung, zit. nach: Was fromm engagiert daherkommt und gegen keine geschriebene Regel der Verfassung verstößt. Online: https://asf-ev.de (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Andreas Püttmann auf Bluesky (
@puettmann.bsky.social), September 2026. Zit. nach: Subalytics, ENDSTATION RECHTS. on Bluesky. Online: https://subalytics.com (letzter Zugriff: 30.09.2026).
↩ - Ebd. Vgl. auch: Publizist Püttmann wirft Spahn Doppelmoral bei Leihmutterschaft vor, in: domradio.de, 18.07.2026.
↩ - Vgl. hierzu auch die Analyse von Prof. Dr. Michael Blume, der Püttmann als „Seismographen“ für die Radikalisierung konservativer Milieus bezeichnet. Online: https://social.kit.edu (letzter Zugriff: 30.09.2026).
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