Wert und Mittelpunkt

In dieser Artikelreihe, die mal mit Maß und Wert begann, hatte ich im Kopf diesen Artikel „Den Mittelpunkt der Welt“ zu nennen, doch letztlich entschied ich mich dazu, daß bisherige Schema nicht zu verlassen. „Die Logik der Welt, die die Sätze der Logik in den Tautologien zeigen, zeigt die Mathematik in den Gleichungen. “ (Ludwig Wittgenstein, TLP 6.22) und somit kommt Wittgenstein zu dem Schluss „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.“ (6.41 ebd.) und noch weiter  „Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben.“ (6.42), weil seine Werte eigentlich Maße sind.

Unter dieser Prämisse muss zwangsläufig folgen „Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige. “  (6.53 TLP) Die Setzungen die Ludwig Wittgenstein vorher gemacht hat und zurecht aus dem Weltwissen abgeleitet hat, vergisst dabei, dass seine Worte selbst ohne Wert sind, wenn das so wahr wäre. Das führt zwangsläufig zu einem Selbstwiderspruch. Wenn wir uns aber nur die linke und rechte Seite einer Gleichung betrachten und eben nur vermessen sowie die Ungleichheit unserer Aussagen nicht beachten, dann scheinen uns die Sätze gleichwertig.

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ die letztlich zum „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. “ führt, mag zwar das Ausdrückbare und Unausdrückbare sein, sind aber die Seite der Gleichung, der die Welt gegenübersteht und gleichzeitig auch in ihr ist.  Wir sind in unserer Erkenntnis dabei selbst der Wert und der Mittelpunkt der Welt. Jetzt werden manche vielleicht sagen, was für ein mittelalterliches Geschwätz, wir haben doch längst bewiesen, dass die Sonne nicht um die Erde kreist oder die Sonne nicht das Zentrum des Universums ist und so fort. Das ändert nichts daran, es gibt nur eine Perspektive auf die Welt. All unsere Erkenntnis ist nur von Bedeutung für den Menschen und mit dem Menschen und nur aus dessen Mitte heraus erklärbar. All unsere Werte sind unsere Werte und nicht wertlos. Zwar mögen wir heute mehr denn je unsere Bedeutungslosigkeit im Angesicht der Größe des Universums erkennen, aber wir betrachten uns unsere Erkenntnisse für uns nicht als bedeutungslos an. Im Gegenteil, wir verwenden die vergangenen Erkenntnisse dazu um immer mehr Wissen zu wollen, soviel, daß es ein einzelner Mensch nicht mehr fassen kann. Dabei fangen wir aber an uns zu verlaufen. Eine Erkenntnis nur um der Erkenntnis willen, die den Zweck der Erkenntnis nicht mehr weiß, ist keine Erkenntnis mehr, sondern nur noch eine willkürliche Datensammlung für eine Maschine. Wenn wir es nicht schaffen unsere Erkenntnis an uns selbst auszurichten, dann werden wir in der Fülle des Wissens ersaufen.

Wenn wir anhand von Lichtquanten ferne Planeten entdecken, dann ist das zwar physikalisch eine hervorragende Leistung, jedoch ist es, wenn es für den Preis eines zündelnden Donald Trump erkauft worden ist, der sich auf Menschen stützt, die denken, dass die Erde 5000 Jahre alt ist, wertloses Wissen, wenn im Gegenzug diese Menschen die Welt in Brand stecken, weil Ihnen das Wissen und die Erkenntnis niemals vermittelt worden ist. Tatsächlich sind auch die Resourcen an wissensvermittelnden Menschen begrenzt und unter Umständen werden wir es bitter bereuen, wenn wir nicht alle auf unserer Reise mitnehmen. Nähmen wir an es hätte für 10.000 Jahre intelligente Dinosaurier gegeben, die nur so kurz in der Erdgeschichte aufgeflackert sind, dass wir heute keinerlei Spuren mehr von ihnen mehr vorfinden, dann war deren Wissen genauso wertlos, wie unser Wissen, wenn wir uns auf denselben Pfad begeben. Wenn wir meinen, daß alle Sätze gleichwertig seien, dann müssten wir akzeptieren, dass die Erde nur fünf- bis sechstausend Jahre alt ist, denn schließlich könnte der Planet ja auch von Douglasadamsmäusen gebaut worden sein. Doch jeder intelligente Mensch, der nur halbwegs bei Verstande ist, der weiß, dass dem nicht so ist.

Aber das mit dem bei Verstande sein, ist schwierig, denn unsere Erkenntnisse sind uns nicht angeboren. Der Mittelpunkt eines Menschen aus der Sozialisation eines christlich-religiösen Fanatikers aus dem Biblebelt der USA kann aus seiner Sicht genauso vernünftig sein wie der Mittelpunkt eines Menschen aus der Sozialisation des Koran im sogenannten islamischen Staat. Vor zweitausend Jahren waren die Menschen nicht weniger intelligent als heute und deswegen sind solche Letztbegründungen bis heute attraktiv. Das Nachjagen nach physikalischer Erkenntnis ist da mit dem Halt der Physik als außermenschlicher prüfbarer Wert nur dieselbe Kategorie., es ist gleichsam fortgesetzte Naturreligion mit wissenschaftlichen Mitteln. Betrachten wir uns unter allen diesen Mittelpunkten uns als gesamt Art, so ist jedes Einzelwesen nicht auf dem gleichen Entwicklungsstand. All diese verschiedenen Erkenntnisse können nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen. Es hat sich daher das Prinzip der Nachvollziehbarkeit und der Beweisbarkeit recht gut bewährt.

Das Problem ist allerdings, dass der Konflikt zwischen Karl Popper und Wittgenstein besteht, Wittgenstein akzeptiert bei aller Logik letztlich den Widerspruch des Unauflöslichen wohingegen Popper der Meinung ist: „Denn jede Kritik irgendwelcher Theorie muss sich auf eine Methode stützen, irgendwelche Widersprüche aufzuzeigen.“ und ob jetzt der Ludwig nur mit dem Schürhaken spielte oder den Karl gar damit bedrohte, es ist eine grundlegend unterschiedliche Sichtweise der Welt.  Im Russischen gibt es einen Witz bei dem sich Möbel auf Hegel reimt und Feuerbach sich das Hemd zerrissen hat und mit einem Möbel auf Hegel geworfen hat. Ob nun Verifikation oder Falsifikation ganz oben auf der Erkenntnispyramide wird nicht weniger hart gestritten, wie wenn sich zwei Dummköpfe in einem Wirtshaus prügeln.

Es ist aber auch nicht weiter verwunderlich, so wie dem Physiker seine Natur, ist dem Philosophen nur noch das Denken als Halt geblieben. Wenn mir jemand auch noch mein Denken klaut, was habe ich denn dann noch? Haltlos kann kein Mensch leben. Nähme man dem Physiker seine Physik, dann stürzt er ebenso in das Bodenlose, aus dem gleichen Grunde kann auch so manch ein religiöser Fanatiker nicht überzeugt werden, wenn der dann auch noch Atomphysiker würde, dann ist das eine wahrlich explosive Mischung.  So ausgeschlossen ist das nicht, Religion und Physik passen in ihren Glaubenssätzen wunderbar zusammen.

Je tiefer gegraben wird, desto mehr müssen wir feststellen, dass unsere Aussagen keines Falls wertlos sind, sondern unsere gesamte Existenz daran hängt. Die von Popper gescholtene Immunisierung Hegels nur die Waffen des Geistes sind und Wittgenstein sich bei aller Logik dann als Hegelianer entpuppt, was er selbst natürlich bestreiten würde. Es sind hierbei die unausgesprochenen Wertesysteme der einzelnen Menschen, ich will auch nicht einsehen, dass ich falsch liege und immunisiere mich dadurch, dass ich vorher sage, dass ich falsch liege.  In dem logischen Schluss, dass ich als einzelner Mensch gar nicht richtig liegen kann, weil mein Hirn zu klein ist, das Weltwissen zu fassen, muss ich also falsch liegen, damit liege ich aber dann auf jeden Fall richtig. Wenn diese Aussage aber wahr wäre, dann hätte ich ja doch die Wahrheit erkannt. Diesen Widerspruch bekommt auch Popper nicht gelöst und damit kann auch Popper mit seinen eigenen Aussagen widerlegt werden. Aber es wäre auch witzlos Anton Zeilinger zu sagen, dass wir eigentlich gar nicht messen können und daher seine Fragen an die Philosophie kommen, die damit eigentlich schon beantwortet sind, denn genau das könnte ein Experimentalphysiker niemals akzeptieren. Genauso wäre es witzlos einem obdachlosen Alkoholiker, der mich um eine Euromünze anbettelt, zu erzählen, dass Geld eine Fiktion ist, die an sich keinen Wert hat, wenn er sich doch genau dafür seinen Alkohol beschaffen kann.

Wir haben Werte.

Die Werte sind der Mittelpunkt unserer Welt.