Wert und Menschheit

Die Deklaration der Menschenrechte ist heutzutage ein ziemlich unbeachtetes Werk. Der verlinkte Text war der Versuch es etwas geschlechtsneutraler zu gestalten. und dabei den Inhalt des Originals soweit als möglich zu behalten. Aber auch das Original schreibt „Wert der menschlichen Person“ bzw “ worth of the human person“. Das Deutsche kennt nur ein Wort für Wert wohingegen das Englische die Unterscheidung trifft.  Der Wert der menschlichen Person ist nicht seine Anzahl, dann stünde dort „value“. Andererseits wird im Englischen auch von „intrinsic value“ als innerer Wert gesprochen und ebenso von „intrinsic worth“. Wo dort der Unterschied im Englischen genau gemacht wird, ist mir nicht klar. Sätze wie  „Intrinsic value has traditionally been thought to lie at the heart of ethics. „  lesen sich wie der Wert im Deutschen, aber „value of number“ ist wohl eindeutig die Ziffer wohingegen „worth of number“ der Wert der Zahlen als solches wäre.  Mag sein, dass eine Einigung auf Werte der Menschheit, schon daran scheitert, daß wir alle nicht die gleiche Sprache sprechen und ein Teil unserer Werte bereits in der Sprache verankert sind. „Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Umgangssprache sind enorm kompliziert.“  davor sagt Ludwig Wittgendstein in 4.002 im TLP  „Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. – Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die einzelnen Laute hervorgebracht werden. “

Die Summe aller menschlichen Werte vom Massenmörder bis zum Heiligen, vom Wissenschaflter bis zum Esoteriker, vom Dummkopf bis zum Denker, vom Neugeborenen bis zum Altersdementen, ist letztlich alles was uns aus macht. Jeder Gedanke der gedacht wurde und jede Sprache die geschaffen wurde, jede Tat die begangen wurde und noch begangen wird sowie alle unterschiedlichen Bewegungen innerhalb einer Menschheit, kann die Menschheit selbst nicht überschreiten. All das ist wertlos und ohne Wert, wenn es die Menschheit nicht mehr gibt.

Es gibt einen grundlegenden Wert, der nicht hintergangen werden kann. Selbst der Massenmörder ist nicht mehr existent, wenn er alle Menschen und die gesamte Menschheit mordet. Selbst der Massenmörder braucht den Menschen mindestens als Opfer. Selbstverständlich ist das eine reductio ad absurdum, die aufzeigen soll, dass die Menschheit als solches als Wert nicht hintergangen werden kann.

Ohne Wert haben wir kein Maß , doch wenn wir die Menschheit als Wert an sich anerkennen, haben wir mindestens einen Wert, doch könnte es den Anschein haben, dass dem einzelnen Menschen die Menschheit völlig egal ist. So wie der Mörder den Wert des Lebens des anderen Menschen nicht schätzt, oder Ölkonzerne als Menschengruppe darauf pfeiffen, was mit dem geförderten Öl passiert, Hauptsache es steigert ihren persönlichen Gewinn, ist die Menschheit kein allgemein anerkannter Wert. Es bliebe nicht folgenlos, wenn aus der Perspektive der Menschheit als Existenz aller, gedacht würde.  Wenn ein Schiff Leck schlägt, dann kümmert sich die gesamte Mannschaft darum, dass das Schiff nicht untergeht und kann vielleicht danach wieder an Meuterei denken.  So wie Wasser in das Schiff eindringt, verändert sich die Atmosphäre des Raumschiffs Erde und der Natur ist es sehr egal, ob die Mannschaft ersäuft oder nicht. Ölkonzerne sind quasi Mannschaftsanteile, die beim sinkenden Schiff, das Leck noch größer machen oder einfach mal den Eimer nehmen und vom Meer das Wasser in das Schiff kippen, statt es aus dem Schiff zu befördern. Die Menschheit ist ihnen egal. Bei unserer Art des Wirtschaftens haben wir ja auch keinen Kapitän mehr, der ihnen das verbietet. Wir applaudieren ja noch der Wirtschaftskraft. Wir haben die Werte für beliebig erklärt und feiern unsere Beliebigkeit.

Für die Vielfalt der Pflanzen mag es sogar besser sein, wenn der Mensch verschwindet, nur hat das Wort besser dann gar keinen Wert mehr.  Wittgenstein irrt, wenn er sagt „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. „, denn der Satz selbst wird sinnlos und wertlos, wenn es nicht mindestens einen Menschen gibt, der ihn zumindest zu sich selbst in seiner Welt sagt. Es ist nicht so, dass die Menschheit keinen Wert hat, sondern die Menschheit kann einen Wittgenstein nur hervorbringen, wenn andere vorher nicht schon gedacht hätten und er nicht Kant und andere gelesen hätte. Es ist zwar alles wie es ist, aber es wäre nicht so, wenn wir nicht sind. So wie ich denke oder erkenne und somit also bin, sind wir diejenigen, die wir sind. Das Einzelwesen an sich mag da beschränkt sein und ich habe keinen Zweifel daran, dass Leonardo da Vinci einen Computer gebaut hätte, wenn genügend Vorwissen zu seiner Zeit vorhanden gewesen wäre. Konrad Zuse hätte den Computer wohl auch nicht gebaut, wenn es nicht vorher schon Lochkarten gesteuerte Webstühle gegeben hätte.. Ohne all dies, was wir sind und was wir denken, läge dieser Text vielleicht handschriftlich in der Schublade oder würde vielleicht sogar nie geschrieben.

„In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert.“ wäre wahr, wenn es keine Sprecher gäbe und wir außerhalb des Menschen irgendetwas sagen könnten, aber wir sind es selbst, die diesen Satz sagen und ohne uns ist dieser Satz nicht. Wenn wir also Wissen übernehmen und Erkenntnis annehmen, müssen wir anerkennen, dass es uns gibt. Schon seit ca. dreihundert Jahren sind wir nicht mehr fähig all unsere Erkenntnisse in einem einzigen Gehirn zu versammeln. Wir müssen darauf vertrauen, dass die Erkenntnisse eines anderen von Wert sind.

Wie es ist, ist nicht einfach so.
Was geschieht, geschieht nicht einfach.
Wir sind ein Wert.